„Mein Sohn ist eigentlich Mittelfeldspieler.“
„Meine Tochter gehört in den Sturm.“
„Der Trainer stellt ihn immer in die Abwehr, obwohl er viel lieber auf der Zehn spielen würde.“
Solche Sätze hört man im Nachwuchsfußball häufig. Schon bei sehr jungen Spielern entsteht schnell die Vorstellung, dass jedes Kind eine feste Position haben müsse.
Doch gerade im Kinder- und frühen Jugendfußball kann es sinnvoll sein, verschiedene Positionen kennenzulernen. Denn ein Spieler entwickelt sich nicht nur dadurch, dass er das perfektioniert, was er bereits gut kann.
Manchmal lernt er gerade dort besonders viel, wo er zunächst ungewohnt eingesetzt wird.
Ab wann braucht ein Kind überhaupt eine feste Position?
Bei jüngeren Kindern sollte die Spezialisierung nicht zu früh beginnen.
Natürlich zeigen sich schon früh bestimmte Vorlieben. Manche Kinder suchen ständig den Weg zum Tor. Andere gewinnen gerne Bälle, wieder andere möchten möglichst oft am Spielaufbau beteiligt sein.
Das ist völlig normal.
Aus einem neunjährigen Kind, das heute überwiegend im Sturm spielt, muss aber nicht zwangsläufig ein späterer Stürmer werden.
Körper, Schnelligkeit, Spielverständnis, Technik und Persönlichkeit entwickeln sich weiter.
Deshalb kann es gerade in jungen Jahren wertvoll sein, unterschiedliche Aufgaben zu erleben.
Warum Positionswechsel Spieler besser machen können
Ein Stürmer, der zeitweise in der Abwehr spielt, erlebt plötzlich aus einer anderen Perspektive, welche Laufwege für Verteidiger unangenehm sind.
Ein Verteidiger, der im Mittelfeld eingesetzt wird, muss häufiger unter Gegnerdruck Lösungen finden.
Ein Flügelspieler im Zentrum lernt, sich vor der Ballannahme häufiger zu orientieren.
Und ein zentraler Mittelfeldspieler auf dem Flügel bekommt andere Eins-gegen-eins-Situationen.
Positionswechsel können deshalb weit mehr sein als das bloße Verschieben eines Kindes auf dem Spielfeld.
Sie erweitern das Verständnis für das gesamte Spiel.
„Aber mein Kind ist doch ein Zehner“
Kinder identifizieren sich schnell mit einer Position.
Dabei spielen auch Vorbilder eine Rolle. Wer seinen Lieblingsspieler im offensiven Mittelfeld sieht, möchte vielleicht ebenfalls „Zehner“ sein.
Eltern sollten diese Wünsche ernst nehmen.
Sie müssen daraus aber keine unveränderliche Fußballidentität machen.
Ein Satz wie:
„Du bist eben kein Verteidiger.“
kann beispielsweise dazu führen, dass ein Kind einen Einsatz in der Abwehr automatisch als Abwertung empfindet.
Interessanter wäre:
„Probier mal aus, was du auf der Position lernen kannst.“
Damit verändert sich die Perspektive.
Ist die Abwehr eine Position für die schwächeren Spieler?
Diese Vorstellung hält sich erstaunlich hartnäckig.
Der vermeintlich beste Spieler kommt ins zentrale Mittelfeld oder in den Sturm – und wer technisch weniger auffällt, landet hinten.
Moderner Fußball funktioniert so jedoch kaum.
Verteidiger müssen unter Druck Lösungen finden, Räume erkennen, Zweikämpfe führen und häufig bereits den Spielaufbau eröffnen.
Gerade spielstarke Kinder können in der Defensive enorm viel lernen.
Ein Einsatz in der Abwehr bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Trainer einem Kind weniger zutraut.
Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall.
Welche Eigenschaften passen zu welcher Position?
Es gibt durchaus Fähigkeiten, die auf bestimmten Positionen besonders hilfreich sind.
Innenverteidiger profitieren beispielsweise von gutem Stellungsspiel und Zweikampfverhalten. Außenbahnspieler benötigen häufig Dynamik und Mut im Eins-gegen-eins. Im zentralen Mittelfeld sind Orientierung und Handlungsschnelligkeit besonders wichtig.
Stürmer müssen Räume erkennen und immer wieder den Abschluss suchen.
Aber Vorsicht:
Das sind keine Schablonen für Kinder.
Ein kleiner Innenverteidiger kann hervorragend sein. Ein langsamerer Mittelfeldspieler kann Situationen durch sein Spielverständnis lösen. Und ein technisch starker Spieler muss nicht automatisch auf die Zehn.
Im Nachwuchsfußball geht es schließlich auch darum, Fähigkeiten zu entwickeln – nicht nur vorhandene Stärken optimal zu verwalten.
Der Lieblingsplatz des Kindes ist trotzdem wichtig
Entwicklung bedeutet nicht, Wünsche komplett zu ignorieren.
Wenn ein Kind unbedingt im zentralen Mittelfeld spielen möchte, sollte es dort auch Erfahrungen sammeln dürfen.
Problematisch wäre das andere Extrem:
Ein Kind spielt über Monate ausschließlich auf einer Position, die ihm überhaupt keinen Spaß macht, obwohl es seinen Wunsch mehrfach äußert.
Dann lohnt sich die Frage, welche Idee der Trainer dahinter hat.
Vielleicht gibt es einen nachvollziehbaren Entwicklungsplan.
Vielleicht wird das Kind aufgrund der Mannschaftszusammenstellung momentan an anderer Stelle benötigt.
Oder Trainer und Spieler haben tatsächlich unterschiedliche Vorstellungen.
Warum Trainer Kinder auf ungewohnte Positionen stellen
Die naheliegende Erklärung lautet häufig:
„Da fehlt gerade jemand.“
Das kommt natürlich vor.
Es können aber auch sportliche Gründe dahinterstecken.
Vielleicht möchte der Trainer, dass ein technisch starker Spieler lernt, das Spiel von hinten aufzubauen.
Vielleicht soll ein schneller Angreifer auf der Außenbahn häufiger Eins-gegen-eins-Situationen bekommen.
Oder ein offensiver Spieler soll lernen, wie man sich gegen den Ball verhält.
Eltern kennen diese Überlegungen nicht immer.
Deshalb ist es sinnvoller, zunächst nach dem Gedanken dahinter zu fragen, statt aus der Position sofort eine Bewertung der Qualität des Kindes abzuleiten.
Sollte mein Kind auf seiner besten Position spielen?
Das hängt auch davon ab, worum es gerade geht.
Bei einem wichtigen Spiel kann ein Trainer seine Mannschaft so aufstellen, dass jeder möglichst dort spielt, wo er aktuell den größten Nutzen bringt.
Training und langfristige Entwicklung verfolgen jedoch noch ein anderes Ziel.
Dort darf ein Kind auch Aufgaben bekommen, bei denen es noch nicht besonders gut ist.
Denn wenn Spieler ausschließlich das machen, was sie bereits beherrschen, entstehen irgendwann weniger neue Lernreize.
Vielseitigkeit kann später ein Vorteil sein
Mit zunehmendem Alter werden Positionen häufig spezifischer.
Trotzdem profitieren Spieler davon, wenn sie Fußball nicht nur aus einem einzigen Blickwinkel kennengelernt haben.
Ein zentraler Mittelfeldspieler, der früher Außenverteidiger gespielt hat, kennt die Probleme eines Außenverteidigers.
Ein Stürmer mit Erfahrung im Mittelfeld versteht möglicherweise besser, wann ein Mittelfeldspieler überhaupt die Möglichkeit für einen tiefen Pass hat.
So entsteht Spielverständnis.
Und das kann langfristig wichtiger sein als die Frage, ob ein Zehnjähriger bereits seine perfekte Position gefunden hat.
Was tun, wenn das Kind mit seiner Position unglücklich ist?
Zunächst sollte man herausfinden, was genau stört.
„Welche Position würdest du am liebsten spielen?“
Und anschließend:
„Was gefällt dir daran?“
Die Antwort ist oft interessanter als die Positionsbezeichnung.
Vielleicht sagt das Kind:
„Im Mittelfeld bekomme ich öfter den Ball.“
Dann geht es möglicherweise gar nicht hauptsächlich um die Position – sondern um Ballkontakte.
Oder:
„Im Sturm darf ich mehr ausprobieren.“
Dann könnte es um Freiheit und Kreativität gehen.
Erst wenn Eltern verstehen, was hinter dem Wunsch steckt, lässt sich sinnvoll darüber sprechen.
Nicht jedes Positionsproblem braucht ein Elterngespräch
Wenn ein Kind einmal zwei Spiele auf einer ungewohnten Position absolviert, muss nicht sofort der Trainer angerufen werden.
Das gehört zum Fußball.
Wenn ein Spieler aber über einen langen Zeitraum unzufrieden ist oder überhaupt keine Möglichkeit bekommt, andere Positionen kennenzulernen, kann man nachfragen.
Nicht:
„Warum lassen Sie ihn ständig hinten spielen? Er gehört ins Mittelfeld.“
Sondern beispielsweise:
„Er würde sehr gerne auch einmal Erfahrungen im zentralen Mittelfeld sammeln. Wie sehen Sie seine Entwicklung und welche Positionen möchten Sie mit ihm ausprobieren?“
Damit spricht man über Entwicklung statt über Forderungen.
Vorsicht vor der Positionsfalle
Manchmal legen nicht Trainer, sondern Eltern ihre Kinder sehr früh fest.
„Er ist Stürmer.“
„Sie ist Innenverteidigerin.“
„Er ist ein klassischer Sechser.“
Bei einem Erwachsenen kann das eine sinnvolle Beschreibung sein.
Bei einem zehnjährigen Nachwuchsspieler beschreibt es zunächst vor allem, wo er momentan häufig eingesetzt wird.
In den nächsten Jahren kann sich noch sehr viel verändern.
Und genau das sollte auch erlaubt sein.
Fazit: Die beste Position kann sich verändern
Natürlich darf ein Kind eine Lieblingsposition haben.
Und irgendwann wird es sinnvoll, bestimmte Aufgaben stärker zu spezialisieren.
Im Kinder- und frühen Jugendfußball sollte die entscheidende Frage aber nicht nur lauten:
„Wo spielt mein Kind momentan am besten?“
Mindestens genauso interessant ist:
„Wo kann mein Kind etwas Neues lernen?“
Ein Nachwuchsspieler muss nicht möglichst früh zum perfekten Stürmer, Sechser oder Innenverteidiger werden.
Er sollte zunächst möglichst viel davon verstehen, wie Fußball funktioniert.
Und manchmal führt der Weg zur späteren Lieblingsposition über einige Positionen, auf denen das Kind heute noch gar nicht spielen möchte.
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