Samstag, kurz vor dem Anpfiff. Die Mannschaft läuft auf den Platz – das eigene Kind setzt sich auf die Bank. Eine Woche später passiert dasselbe. Und irgendwann stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Warum spielt mein Kind so wenig?
Für Spielereltern ist das eine schwierige Situation. Einerseits möchte man sein Kind unterstützen und für seine Interessen eintreten. Andererseits will man sich nicht ständig in die Entscheidungen des Trainers einmischen.
Wann sollten Eltern also abwarten – und wann ist ein Gespräch angebracht?
Wenig Spielzeit ist nicht automatisch ein Problem
Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Situation insgesamt. Ein einzelnes Spiel auf der Ersatzbank sagt wenig aus.
Trainer müssen Kader zusammenstellen, Positionen besetzen und unterschiedliche Entwicklungsstände berücksichtigen. Dazu kommen Trainingsbeteiligung, aktuelle Form, Gegner, taktische Überlegungen und manchmal schlicht die Anzahl der verfügbaren Spieler.
Entscheidend ist deshalb nicht ein einzelnes Wochenende, sondern die Entwicklung über mehrere Wochen.
Wenn ein Kind regelmäßig trainiert, sich engagiert und trotzdem dauerhaft kaum Spielzeit bekommt, ist die Frage nach den Gründen vollkommen nachvollziehbar.
Die wichtigste Frage lautet nicht: „Warum spielt mein Kind nicht?“
Ein Gespräch mit dem Trainer sollte möglichst nicht mit einer Forderung beginnen.
Statt:
„Warum spielt mein Sohn immer so wenig?“
ist eine andere Frage häufig wesentlich hilfreicher:
„Woran sollte mein Kind momentan arbeiten, um sich mehr Spielzeit zu verdienen?“
Der Unterschied ist erheblich.
Bei der ersten Frage muss der Trainer seine Entscheidung verteidigen. Bei der zweiten geht es um die Entwicklung des Kindes.
Eltern bekommen dadurch im besten Fall konkrete Hinweise: Zweikampfverhalten, Entscheidungsfindung, Trainingsintensität, Technik, Positionierung oder vielleicht auch Dinge, die von außen gar nicht aufgefallen sind.
Wann sollten Eltern das Gespräch suchen?
Ein Gespräch kann sinnvoll sein, wenn sich über einen längeren Zeitraum ein deutliches Muster zeigt.
Beispielsweise wenn das Kind über mehrere Wochen regelmäßig nur wenige Minuten spielt, wiederholt nicht für den Kader nominiert wird oder selbst nicht versteht, warum es kaum eingesetzt wird.
Besonders wichtig wird das Gespräch, wenn die Situation das Kind zunehmend belastet.
Sätze wie „Der Trainer glaubt sowieso nicht an mich“, „Ich habe keine Lust mehr“ oder „Egal wie ich trainiere, ich spiele sowieso nicht“ sollten Eltern ernst nehmen.
Dann geht es längst nicht mehr nur um Einsatzminuten.
Es geht um Motivation und Entwicklung.
Nicht direkt nach dem Spiel diskutieren
Der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für ein solches Gespräch ist häufig unmittelbar nach dem Abpfiff.
Emotionen sind hoch, der Trainer hat gerade ein Spiel geleitet und möglicherweise bereits die nächste Aufgabe im Kopf. Gleichzeitig ist das eigene Kind vielleicht enttäuscht und die Eltern ebenfalls.
Ein Gespräch zwischen Kabinentür und Parkplatz führt deshalb selten zu einer guten Lösung.
Besser ist eine kurze Anfrage:
„Hast du in den nächsten Tagen einmal zehn Minuten Zeit? Ich würde gerne hören, wie du die Entwicklung meines Kindes momentan einschätzt.“
Damit weiß der Trainer vorher, worum es geht, und beide Seiten können das Gespräch ruhiger führen.
Erst mit dem Kind sprechen
Je älter Kinder werden, desto wichtiger wird ein weiterer Punkt: Bevor Eltern beim Trainer anrufen, sollten sie mit ihrem Kind sprechen.
Was sagt der Trainer im Training?
Gab es bereits ein Gespräch?
Weiß das Kind selbst, warum es momentan weniger spielt?
Und vor allem: Möchte das Kind überhaupt, dass die Eltern tätig werden?
Gerade bei älteren Nachwuchsspielern gehört es zur Entwicklung, selbst Fragen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen.
Ein D-Jugendlicher kann beispielsweise durchaus lernen, den Trainer selbst zu fragen:
„Was muss ich verbessern, damit ich mehr Spielzeit bekomme?“
Das kann für die Entwicklung wertvoller sein, als wenn die Eltern jedes Problem lösen.
Spielzeit und Leistungsfußball sind ein schwieriges Thema
Mit zunehmendem Alter verändert sich Nachwuchsfußball.
Im Kinderfußball sollte die individuelle Entwicklung möglichst vieler Kinder im Vordergrund stehen. In leistungsorientierten Mannschaften nimmt später jedoch auch das Leistungsprinzip zu.
Eltern sollten deshalb wissen, welches Konzept der eigene Verein verfolgt.
Bei einer breitensportorientierten Mannschaft sind andere Erwartungen an Einsatzzeiten nachvollziehbar als bei einer Mannschaft, die ausdrücklich leistungsorientiert arbeitet.
Problematisch wird es vor allem dann, wenn Anspruch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen.
Wenn ein Verein beispielsweise mit individueller Förderung wirbt, ein Kind aber dauerhaft kaum Spielpraxis erhält, darf man durchaus fragen, wie diese Förderung konkret aussehen soll.
Die Bank kann kurzfristig helfen – dauerhaft kann sie Entwicklung verhindern
Auch Ersatzspieler können lernen. Sie beobachten das Spiel, erleben taktische Situationen und müssen mit Konkurrenz umgehen.
Aber Fußball lernt man letztlich vor allem durch Fußballspielen.
Ein Kind, das regelmäßig trainiert, am Wochenende aber dauerhaft nur wenige Minuten bekommt, sammelt erheblich weniger echte Spielsituationen als Mannschaftskameraden mit viel Einsatzzeit.
Gerade deshalb sollte Spielzeit nicht ausschließlich als Belohnung verstanden werden.
Sie ist selbst ein Bestandteil der Ausbildung.
Nicht jedes Kind muss Stammspieler sein
Genauso wichtig ist allerdings die andere Seite.
Eltern neigen verständlicherweise dazu, das eigene Kind besonders aufmerksam zu beobachten. Der Trainer muss dagegen die gesamte Mannschaft betrachten.
Vielleicht sind andere Spieler momentan tatsächlich weiter.
Das ist weder ungewöhnlich noch endgültig.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Ein Spieler, der mit zehn Jahren körperlich oder spielerisch hinter anderen liegt, kann zwei Jahre später völlig anders dastehen.
Eine momentane Ersatzspielerrolle sagt deshalb erstaunlich wenig darüber aus, welches Potenzial ein Kind langfristig besitzt.
Wenn sich nach dem Gespräch nichts verändert
Ein gutes Trainergespräch muss nicht dazu führen, dass das Kind am nächsten Wochenende plötzlich in der Startelf steht.
Es sollte aber Klarheit schaffen.
Eltern und Kind sollten anschließend ungefähr wissen:
- Wie schätzt der Trainer die aktuelle Entwicklung ein?
- Wo sieht er Stärken?
- Was sollte verbessert werden?
- Welche Perspektive sieht er?
- Was kann das Kind konkret beeinflussen?
Werden dagegen dauerhaft nur allgemeine Aussagen gemacht und ändert sich über Monate weder die Situation noch die Kommunikation, darf man sich irgendwann eine weitere Frage stellen:
Ist dieses Umfeld für die Entwicklung meines Kindes noch das richtige?
Das bedeutet nicht automatisch Vereinswechsel.
Aber spätestens dann lohnt es sich, die Situation ohne Scheuklappen zu betrachten.
Spielereltern sollten begleiten – nicht die Karriere steuern
Vielleicht ist das die schwierigste Aufgabe überhaupt.
Eltern sehen die Enttäuschung ihres Kindes und möchten helfen. Gleichzeitig gehört es zum Sport, nicht immer ausgewählt zu werden, Konkurrenz auszuhalten und Rückschläge zu verarbeiten.
Deshalb sollte das Ziel nicht sein, jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen.
Das Ziel sollte sein, dem Kind dabei zu helfen, selbst damit umgehen zu können.
Manchmal bedeutet das, mit dem Trainer zu sprechen.
Manchmal bedeutet es, dem Kind Mut zu machen.
Und manchmal bedeutet es auch, einfach am Spielfeldrand zu stehen und nach dem Spiel nicht zu fragen:
„Warum hast du schon wieder so wenig gespielt?“
Sondern:
„Hat es dir heute Spaß gemacht?“
