Das eigene Kind dribbelt zwei Gegenspieler aus, schießt regelmäßig Tore und gehört vielleicht zu den Besten seiner Mannschaft. Irgendwann entsteht bei vielen Spielereltern die Frage:
Hat mein Kind besonderes Talent für Fußball?
Die Frage ist verständlich – aber gerade im Kinderfußball erstaunlich schwer zu beantworten. Denn der beste Spieler einer E- oder D-Jugend muss keineswegs derjenige sein, der einige Jahre später das größte Potenzial besitzt.
Körperliche Entwicklung, Trainingsalter, Persönlichkeit und sogar der Geburtsmonat können die momentanen Leistungsunterschiede erheblich beeinflussen.
Talent ist mehr als Technik
Wer an ein Fußballtalent denkt, denkt häufig zuerst an spektakuläre Dinge: Dribblings, Tore, Tricks oder einen besonders harten Schuss.
Natürlich können technische Fähigkeiten ein Hinweis sein.
Trainer und Talentsichter betrachten jedoch wesentlich mehr. Interessant ist beispielsweise, wie ein Kind Situationen erkennt, welche Entscheidungen es unter Zeitdruck trifft und wie schnell es neue Aufgaben versteht.
Ein technisch auffälliger Spieler ist deshalb nicht automatisch das größte Talent auf dem Platz.
Und ein Kind, das kaum spektakuläre Aktionen zeigt, kann Fähigkeiten besitzen, die für seine weitere Entwicklung mindestens genauso wichtig sind.
Ein interessantes Merkmal: Wie schnell lernt das Kind?
Ein wichtiger Hinweis auf Entwicklungspotenzial ist die Lernfähigkeit.
Ein Trainer erklärt eine neue Übung. Wie schnell versteht das Kind die Aufgabe?
Noch interessanter: Kann es das Gelernte später im Spiel anwenden?
Ein Spieler bekommt beispielsweise den Hinweis, vor der Ballannahme häufiger über die Schulter zu schauen. Einige Wochen später macht er das beinahe automatisch.
Solche Entwicklungsschritte sind weniger auffällig als ein Tor – können langfristig aber erheblich aussagekräftiger sein.
Spielverständnis sieht manchmal unspektakulär aus
Manche Kinder scheinen erstaunlich häufig dort zu stehen, wo der Ball anschließend hinkommt.
Das muss kein Zufall sein.
Sie erkennen Räume, sehen Mitspieler früh und treffen Entscheidungen, bevor andere Spieler überhaupt bemerken, was passiert.
Dieses sogenannte Spielverständnis zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Kind:
- vor der Ballannahme seine Umgebung wahrnimmt,
- freie Räume erkennt,
- passende Laufwege findet,
- nicht jeden Ball sofort nach vorne spielt,
- Mitspieler früh wahrnimmt,
- unter Druck unterschiedliche Lösungen findet.
Das Spektakuläre daran ist: Es sieht häufig überhaupt nicht spektakulär aus.
Der beste Spieler ist nicht automatisch das größte Talent
Im Nachwuchsfußball können körperliche Unterschiede enorm sein.
Ein früh entwickeltes Kind kann Gleichaltrigen bei Größe, Kraft und Schnelligkeit deutlich voraus sein. Dadurch gewinnt es Zweikämpfe und erzielt möglicherweise viele Tore.
Ein körperlich später entwickelter Spieler kann gleichzeitig technisch und taktisch sehr weit sein, verliert momentan aber viele direkte Duelle.
Zwei oder drei Jahre später können sich diese Verhältnisse vollkommen verändert haben.
Deshalb sollte man aktuelle Dominanz nicht automatisch mit langfristigem Potenzial gleichsetzen.
Auch der Geburtsmonat kann eine Rolle spielen
Im Nachwuchsfußball werden Jahrgänge nach Geburtsjahr zusammengestellt.
Damit kann zwischen zwei Spielern derselben Altersklasse fast ein ganzes Jahr Altersunterschied liegen.
Bei jungen Kindern ist das enorm.
Ein im Januar geborenes Kind kann körperlich und geistig deutlich weiter entwickelt sein als ein Mitspieler aus dem Dezember desselben Jahrgangs.
Dieses Phänomen wird als Relative Age Effect bezeichnet.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ein früh im Jahr geborenes Kind weniger talentiert ist. Es zeigt lediglich, warum momentane Leistungsunterschiede bei Kindern vorsichtig bewertet werden sollten.
Was macht das Kind, wenn etwas nicht funktioniert?
Talent zeigt sich nicht nur dann, wenn alles läuft.
Mindestens genauso interessant ist die Reaktion auf Schwierigkeiten.
Verliert ein Kind einen Zweikampf und versucht es beim nächsten Mal eine andere Lösung?
Bleibt es nach einem Fehler im Spiel?
Will es verstehen, warum etwas nicht funktioniert hat?
Kinder reagieren selbstverständlich emotional. Niemand sollte von einem Zehnjährigen die Gelassenheit eines Profis erwarten.
Eine gewisse Neugier und Bereitschaft, Probleme zu lösen, kann für die Entwicklung aber sehr wertvoll sein.
Eigenmotivation ist ein starkes Signal
Vielleicht einer der interessantesten Punkte überhaupt:
Will das Kind selbst Fußball spielen?
Nicht der Vater. Nicht die Mutter. Nicht der Trainer.
Das Kind.
Nimmt es freiwillig einen Ball mit nach draußen? Möchte es nach dem Training noch ein paar Bälle aufs Tor schießen? Probiert es Bewegungen aus, die es bei anderen Spielern gesehen hat?
Das bedeutet nicht, dass ein talentiertes Kind jeden freien Nachmittag trainieren muss.
Aber langfristige Entwicklung benötigt Motivation.
Ein Kind, das ausschließlich deshalb viermal pro Woche trainiert, weil die Eltern einen möglichst erfolgreichen Fußballer aus ihm machen möchten, hat eine völlig andere Ausgangslage als ein Kind, das selbst kaum vom Platz zu bekommen ist.
Wie verhält sich das Kind ohne Ball?
Spielereltern beobachten verständlicherweise besonders intensiv die Momente, in denen das eigene Kind den Ball hat.
Trainer sehen häufig etwas anderes.
Was passiert ohne Ball?
Bietet sich der Spieler wieder an?
Bewegt er sich in freie Räume?
Reagiert er nach einem Ballverlust?
Erkennt er, wo Unterstützung benötigt wird?
Ein Fußballer verbringt den größten Teil eines Spiels ohne Ball. Deshalb können gerade diese Situationen viel über sein Spielverständnis verraten.
Beidfüßigkeit, Technik und Koordination
Natürlich spielen auch die klassischen fußballerischen Fähigkeiten eine Rolle.
Eine gute Ballkontrolle, saubere Bewegungsabläufe und die Fähigkeit, beide Füße einzusetzen, schaffen hervorragende Voraussetzungen.
Dabei sollte man jedoch weniger fragen:
„Was kann mein Kind schon?“
Interessanter ist:
„Wie schnell verbessert es Dinge, die es noch nicht kann?“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Scouts suchen nicht einfach den besten Spieler
Eltern stellen sich eine Sichtung manchmal wie eine Prüfung vor: Alle Kinder spielen – und anschließend werden die besten ausgewählt.
Talentbeurteilung ist komplizierter.
Je nach Alter und Verein können unterschiedliche Eigenschaften im Mittelpunkt stehen. Technik, Wahrnehmung, Entscheidungsverhalten, Athletik, Mentalität und Entwicklungspotenzial können unterschiedlich gewichtet werden.
Außerdem bleibt jede Talentprognose mit Unsicherheit verbunden.
Kein Scout kann bei einem Zehnjährigen zuverlässig vorhersagen, wie gut dieser mit 18 sein wird.
Vorsicht mit frühen Etiketten
„Der wird einmal Profi.“
Ein solcher Satz klingt zunächst wie ein großes Kompliment.
Für ein Kind kann daraus allerdings schnell eine Erwartung entstehen.
Genauso problematisch ist das Gegenteil:
„Für den Leistungsfußball reicht es bei ihm nicht.“
Kinder entwickeln sich nicht linear.
Manche machen früh enorme Fortschritte und stagnieren später. Andere fallen jahrelang kaum auf und entwickeln sich während oder nach der Pubertät plötzlich stark.
Deshalb sollten Begriffe wie „Supertalent“ oder „nicht talentiert genug“ gerade bei jungen Kindern vorsichtig verwendet werden.
Was Eltern stattdessen beobachten können
Wer die Entwicklung seines Kindes einschätzen möchte, kann sich einige andere Fragen stellen:
Lernt mein Kind neue Dinge schnell?
Findet es im Spiel eigene Lösungen?
Versteht es Spielsituationen?
Wie reagiert es auf Fehler?
Entwickelt es sich über Monate und Jahre weiter?
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Geht mein Kind immer noch gerne zum Fußball?
Denn selbst hervorragende Voraussetzungen nützen wenig, wenn irgendwann die Freude verschwindet.
Förderung bedeutet nicht, möglichst früh möglichst viel zu machen
Wenn Eltern besonderes Potenzial erkennen, liegt der Gedanke nahe, zusätzliche Förderung zu organisieren.
Mehr Training, Einzeltrainer, Fußballschule, Fördertraining und vielleicht möglichst schnell der Wechsel zu einem größeren Verein.
Mehr ist jedoch nicht automatisch besser.
Kinder brauchen Belastung, aber ebenso Erholung, Schule, Freunde und Zeit außerhalb des organisierten Sports.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie können wir möglichst viel aus diesem Talent herausholen?“
Sondern:
„Welches Umfeld hilft meinem Kind momentan am besten, sich weiterzuentwickeln?“
Das kann ein Leistungsverein sein.
Es kann aber genauso ein kleinerer Verein mit einem hervorragenden Trainer und viel Spielzeit sein.
Talent zeigt eine Möglichkeit – keine Garantie
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für Spielereltern.
Talent ist kein Versprechen auf eine Profikarriere.
Es beschreibt zunächst gute Voraussetzungen für weitere Entwicklung.
Was daraus entsteht, hängt von vielen Faktoren ab: Training, Trainer, Gesundheit, körperliche Entwicklung, Motivation, Umfeld, Chancen – und manchmal auch vom richtigen Zeitpunkt.
Deshalb müssen Eltern nicht mit zehn Jahren herausfinden, ob ihr Kind einmal Fußballprofi werden kann.
Viel wichtiger ist, dass es weiter lernt, ausreichend spielt und die Freude am Fußball behält.
Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, bekommt ein vorhandenes Talent zumindest die Chance, sich zu entwickeln.
