In der E-Jugend verändert sich der Kinderfußball spürbar. Die Spiele werden strukturierter, Kombinationen funktionieren häufiger und die Kinder verstehen zunehmend, was auf dem Platz passiert.
Gleichzeitig werden Unterschiede deutlicher.
Der eine dribbelt scheinbar mühelos an mehreren Gegenspielern vorbei. Ein anderer versteht das Spiel hervorragend. Manche Kinder sind körperlich bereits weit entwickelt, während andere noch deutlich kleiner und schmächtiger wirken.
Und plötzlich fallen Begriffe wie Leistungsgruppe, Fördertraining, Sichtung oder Vereinswechsel.
Für Eltern beginnt damit eine Phase, in der es schwieriger werden kann, Entwicklung und momentane Leistung auseinanderzuhalten.
Denn auch wenn Leistung in der E-Jugend zunehmend sichtbar wird, gilt weiterhin:
Ein guter E-Jugend-Spieler ist noch lange kein fertiges Talent – und ein momentan schwächeres Kind noch lange kein schlechter Fußballer.
In welchem Alter spielt man in der E-Jugend?
Die E-Jugend folgt auf die F-Jugend und umfasst grundsätzlich zwei Jahrgänge. Welche Geburtsjahrgänge dazugehören, richtet sich nach der jeweiligen Saison.
Die Kinder befinden sich damit in einem Alter, in dem sie Fußball bereits wesentlich bewusster wahrnehmen als noch bei den Bambini oder in der F-Jugend.
Viele können inzwischen mehrere Jahre Vereinserfahrung haben.
Andere beginnen erst jetzt mit Fußball.
Beides ist möglich.
Was verändert sich in der E-Jugend?
Das Spiel bekommt zunehmend Struktur.
Kinder erkennen freie Räume besser, suchen häufiger Mitspieler und können taktische Grundideen zunehmend verstehen.
Auch technisch passiert viel: Ballannahme, Passspiel, Dribbling und Torschuss werden sauberer.
Dadurch sieht ein E-Jugend-Spiel häufig schon erstaunlich nach „richtigem Fußball“ aus.
Genau hier beginnt für Erwachsene allerdings eine Gefahr:
Die Erwartungen wachsen manchmal schneller als die Kinder.
Nur weil ein Kind bereits schöne Kombinationen spielen kann, sollte ein Fehler noch immer kein Drama sein.
Werden die Mannschaften jetzt nach Leistung eingeteilt?
Bei vielen Vereinen beginnt bereits im jüngeren Kinderfußball eine stärkere Differenzierung nach Leistungsstand.
Große Vereine haben beispielsweise mehrere Mannschaften eines Jahrgangs. Dann kann es eine leistungsstärkere erste Mannschaft und weitere Teams geben.
Für Kinder und Eltern bekommt die Frage „In welche Mannschaft komme ich?“ plötzlich Bedeutung.
Eine Einteilung sollte aber nicht als endgültiges Urteil über das fußballerische Potenzial eines Kindes verstanden werden.
Ein Kind, das heute in einer zweiten Mannschaft spielt, kann sich innerhalb eines Jahres enorm entwickeln.
Umgekehrt entwickelt sich nicht jedes Kind, das mit neun oder zehn Jahren zu den Besten gehört, automatisch dauerhaft schneller als andere.
Warum können die Leistungsunterschiede so groß sein?
Zwei Kinder desselben Jahrgangs können körperlich vollkommen unterschiedlich wirken.
Hinzu kommen Unterschiede bei Koordination, Spielerfahrung, Trainingsalter, Selbstvertrauen und Spielverständnis.
Ein Kind spielt vielleicht seit seinem vierten Lebensjahr Fußball und trainiert zusätzlich ständig im Garten. Ein anderes ist erst vor einem Jahr in den Verein gekommen.
Schon deshalb wäre es erstaunlich, wenn beide exakt gleich weit wären.
Eltern sollten deshalb nicht nur fragen:
„Wie gut ist mein Kind im Vergleich zu den anderen?“
Interessanter ist:
„Wie hat sich mein Kind in den vergangenen sechs oder zwölf Monaten entwickelt?“
Müssen E-Jugend-Spieler feste Positionen haben?
Viele Kinder entwickeln jetzt klare Vorlieben.
„Ich bin Stürmer.“
„Ich spiele im Mittelfeld.“
„Ich bin Innenverteidiger.“
Das ist vollkommen normal.
Trotzdem kann es sinnvoll sein, weiterhin unterschiedliche Positionen kennenzulernen.
Ein offensiver Spieler profitiert davon, einmal defensiv verteidigen zu müssen. Ein Verteidiger entwickelt ein anderes Spielverständnis, wenn er selbst im Mittelfeld Lösungen finden soll.
Auch der vermeintlich beste Torschütze eines Teams muss nicht seine gesamte Jugend im Sturm verbringen.
Kinder entwickeln sich – und damit können sich auch ihre späteren Positionen verändern.
Mein Kind spielt ständig Abwehr – ist das schlecht für die Entwicklung?
Nein.
Die Vorstellung, dass besonders talentierte Kinder grundsätzlich im zentralen Mittelfeld oder im Sturm spielen müssten, ist zu einfach.
In jeder Position können wichtige Fähigkeiten entwickelt werden.
Problematischer wäre eine sehr frühe und starre Spezialisierung, bei der ein Kind über Jahre kaum andere Spielsituationen kennenlernt.
Eltern dürfen deshalb durchaus nachfragen, wenn ihr Kind ausschließlich auf einer einzigen Position eingesetzt wird.
Dabei sollte es aber um die Entwicklung des Kindes gehen – nicht darum, eine vermeintlich prestigeträchtigere Position einzufordern.
Wie wichtig ist Spielzeit in der E-Jugend?
Sehr wichtig.
Training ist unverzichtbar, aber Spielsituationen lassen sich nicht vollständig simulieren.
Kinder brauchen Möglichkeiten, unter Gegnerdruck Entscheidungen zu treffen, Fehler zu machen und Lösungen zu finden.
Wenn einzelne Kinder dauerhaft fast vollständig spielen und andere regelmäßig nur wenige Minuten bekommen, dürfen Eltern das sachlich hinterfragen.
Dabei hilft ein Blick über mehrere Wochen.
Ein einzelnes Spiel mit weniger Einsatzzeit muss nichts bedeuten.
Ein dauerhaftes Muster ist etwas anderes.
Sollte mein Kind zusätzliches Fördertraining bekommen?
In der E-Jugend entdecken viele Eltern erstmals zusätzliche Fußballangebote: Fördertraining, Fußballschulen, Techniktrainer oder individuelles Training.
Solche Angebote können sinnvoll sein.
Notwendig sind sie aber nicht automatisch.
Ein Kind, das ohnehin mehrfach pro Woche im Verein trainiert, am Wochenende spielt und zusätzlich ständig selbst mit Freunden kickt, braucht nicht zwingend noch weitere organisierte Einheiten.
Mehr Training bedeutet nicht automatisch mehr Entwicklung.
Qualität, Erholung und vor allem die Freude des Kindes zählen ebenfalls.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: „Was können wir noch zusätzlich buchen?“
Sondern:
„Will mein Kind überhaupt noch mehr Fußball?“
Wann ist ein Vereinswechsel sinnvoll?
Spätestens in der E-Jugend werden manche Familien von anderen Vereinen angesprochen oder beginnen selbst, über einen Wechsel nachzudenken.
Vielleicht ist das eigene Kind in seiner Mannschaft besonders auffällig. Vielleicht gibt es einen größeren Verein in der Umgebung. Vielleicht lockt ein vermeintlich besseres Trainingsniveau.
Ein Wechsel kann sinnvoll sein – muss es aber nicht.
Eltern sollten mehrere Faktoren betrachten:
Wird das Kind im aktuellen Verein gut trainiert? Wird es ausreichend gefordert? Spielt es regelmäßig? Hat es Freunde in der Mannschaft? Geht es gerne zum Training? Wie lang wären die zusätzlichen Fahrtwege?
Ein Vereinsname allein verbessert keinen Fußballer.
Und wenn ein großer Verein mein Kind haben möchte?
Für viele Eltern fühlt sich eine solche Anfrage wie eine Bestätigung an.
Das eigene Kind wurde entdeckt.
Das darf natürlich Freude machen.
Trotzdem lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Was bietet der andere Verein tatsächlich? Wie groß ist der Kader? Welche Perspektive hat das Kind? Wie häufig wird trainiert? Wie weit sind die Fahrten? Was passiert, wenn das Kind nach einigen Monaten nicht mehr zu den stärksten Spielern gehört?
Vor allem sollte eine Frage nicht vergessen werden:
Will das Kind selbst wechseln?
Der Traum der Eltern muss nicht automatisch der Traum des Kindes sein.
Wie aussagekräftig ist „Talent“ in der E-Jugend?
Manche Fähigkeiten lassen sich durchaus erkennen.
Ein Kind kann außergewöhnlich technisch sein, Spielsituationen besonders schnell erfassen oder eine auffällige Bewegungsqualität besitzen.
Trotzdem bleibt eine langfristige Prognose schwierig.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Körperliche Voraussetzungen verändern sich. Motivation verändert sich. Manche machen später enorme Entwicklungssprünge.
Deshalb ist es sinnvoller, von Potenzial und aktuellem Entwicklungsstand zu sprechen als von einer bereits feststehenden Fußballkarriere.
Mit neun oder zehn Jahren muss niemand wissen, wo ein Kind mit 16 spielen wird.
Vorsicht vor dem Vergleich mit anderen Kindern
„Der war früher schlechter als du.“
„Warum schafft der das und du nicht?“
„Du hast doch viel mehr Talent als der.“
Solche Vergleiche helfen Kindern selten.
Entwicklung ist individuell.
Der sinnvollere Vergleich ist häufig der mit sich selbst:
Kann das Kind heute Dinge, die ihm vor einem Jahr noch schwerfielen?
Traut es sich mehr zu?
Hat sich sein schwächerer Fuß verbessert?
Erkennt es Spielsituationen schneller?
Das sind Fortschritte, die keine Tabelle der Welt vollständig abbildet.
Auch Eltern müssen mit wachsendem Leistungsdenken umgehen
Je älter die Kinder werden, desto leichter kann Kinderfußball auch für Eltern zum Wettbewerb werden.
Wer spielt in der ersten Mannschaft?
Wer wurde zum Probetraining eingeladen?
Wer schießt die meisten Tore?
Wer trainiert zusätzlich?
Wer wurde von welchem Verein angesprochen?
Es lohnt sich, gelegentlich daran zu denken, wessen Fußballkarriere das eigentlich ist.
Das Kind sollte nicht das Gefühl bekommen, dass seine fußballerische Leistung über die Stimmung zu Hause entscheidet.
Was Eltern in der E-Jugend besonders gut machen können
Interesse zeigen, ohne jede Leistung zu bewerten.
Bei Niederlagen unterstützen.
Bei Erfolgen mitfreuen.
Den Trainer trainieren lassen.
Dem Kind ermöglichen, selbst Entscheidungen zu treffen.
Und nicht aus jedem guten Spiel gleich die Frage machen, wie weit es mit Fußball einmal kommen könnte.
Denn die E-Jugend ist eine wichtige Entwicklungsphase.
Aber sie ist eben genau das:
eine Entwicklungsphase.
Was am Ende der E-Jugend wirklich zählen sollte
Natürlich darf ein Kind besser werden wollen.
Natürlich darf es ehrgeizig sein.
Und natürlich dürfen auch Eltern stolz sein, wenn ihr Kind Fortschritte macht.
Doch vielleicht gibt es einen viel besseren Maßstab als Tabellen, Tore oder die Einteilung in Mannschaft 1 und Mannschaft 2.
Wenn ein Kind nach zwei weiteren Jahren Vereinsfußball technisch mehr kann, Spiele besser versteht, selbstbewusster Entscheidungen trifft und immer noch voller Vorfreude seine Fußballtasche packt, ist viel erreicht.
Denn irgendwann wird Leistung im Fußball tatsächlich wichtiger.
Die Freude am Fußball sollte auf dem Weg dorthin aber nicht verloren gehen.
